Paper of the Month #22 Drucken
15.12.2010

Stiftung für Patientensicherheit, Schweiz: Paper of the Month #22 – "Einfluss des Designs von Patientenzimmern auf die Hände-Desinfektion"

Birnbach DJ, Nevo I, Scheinman SR, et al.:
Patient safety begins with proper planning: A quantitative method to improve hospital design
Quality and Safety in Health Care 2010; 19: 462 - 465

Thema: "Einfluss des Designs von Patientenzimmern auf die Hände-Desinfektion"

Die Innen-Architektur von Spitälern und damit die Arbeitsumgebung von Fachpersonen können einen
erheblichen Einfluss auf die Patientensicherheit haben. Typische Beispiele dafür sind die Lichtsituation
beim Richten von Medikamenten oder die Platzierung von Mobiliar in Patientenzimmern. Häufig
werden solche Aspekte allerdings erst nach dem Bau und der Ausstattung von Spitälern durch Erfahrung
der Anwender erkannt und können dann oft nur schwierig berücksichtigt werden (z.B. durch
Umbaumassnahmen).

Birnbach et al. untersuchten den Einfluss der Platzierung von Desinfektionsmittel-Spendern auf die
Durchführung der Hände-Desinfektion bei simulierten Patientenbehandlungen. Im Rahmen des Neubaus
einer US-amerikanischen Universitätsklinik wurde ein Modell der zukünftigen Patientenzimmer
in realistischer Grösse aufgebaut. Der Spender für die Alkohollösung zur Händedesinfektion wurde
sequentiell an zwei verschiedenen Lokalisationen im Raum installiert: Bei einer Lokalisation war der
Spender direkt neben dem Patientenbett angebracht, so dass er direkt im Sichtfeld einer Fachperson
ist, die mit dem Patienten kommuniziert oder den Patienten untersucht oder behandelt. Bei der zweiten
Installation wurde der Spender in der Nähe der Tür angebracht. In dieser Anordnung war der
Spender nicht von einer Fachperson aus zu sehen, wenn sie am Patientenbett steht. Diese Lokalisation
war durch das Architekturbüro für die Waschbecken in den zu bauenden Patientenzimmern geplant
und ist heute in vielen Spitälern anzutreffen. 52 Ärzte wurden randomisiert auf die zwei Lokalisationen
des Spenders. Ein Schauspieler simulierte als standardisierter Patient mit vorgegebenen Texten
eine Erkrankung, die eine körperliche Untersuchung erforderlich macht. Die Ärzte waren aufgefordert,
den Patienten genauso zu behandeln, wie sie dies üblicherweise in ihrem Spital tun würden.
Die Durchführung der erforderlichen Händedesinfektion vor der körperlichen Untersuchung wurde
durch zwei Beobachter registriert. Die 26 Ärzte, die der ersten Lokalisation zugeordnet wurden, wo
also der Desinfektionsmittel-Spender direkt im Sichtfeld angebracht war, desinfizierten sich in 54%
der Untersuchungen vorgängig die Hände. In der Vergleichsgruppe (ebenfalls 26 Ärzte), für die der
Spender in der Nähe der Tür angebracht war, führten die Ärzte nur vor 12% der Untersuchungen die
Händedesinfektion durch.

Die Resultate zeigen eindrücklich den Effekt, den die patientensicherheitsorientierte Gestaltung und
Ausstattung von Spitälern haben kann. Sind diese Effekte bekannt, können sie relativ einfach bei
Neu- und Umbaumassnahmen berücksichtig werden und dann einen erheblichen Beitrag für die Verbesserung
der Patientensicherheit leisten. Besonders hervorzuheben an der Studie ist, dass sie im
Gegensatz zu vielen beschreibenden Untersuchungen den Einfluss des Arbeitsumfeld-Designs auf
einen wichtigen Indikator der Patientensicherheit, nämlich die Durchführung der Händedesinfektion,
quantifiziert. Ähnliche Simulationen können auch in kleineren praxisnahen Untersuchungen in Spitälern
durchgeführt werden, z.B. um die Platzierung von Materialschränken oder den Effekt von verschiedenen
Leuchtmitteln zu prüfen. Leider wird der Einfluss der Arbeitsumgebung auf die Patientensicherheit
häufig erst im Rahmen einer Fehleranalyse erkannt. Prospektive Evaluationen des Designs
auf Risiken für die Patientensicherheit sind im Zuge von Neubauten oder Umgestaltungen jedoch
grundsätzlich zu fordern.

PD Dr. D. Schwappach, MPH,
Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit.
Dozent am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern


Link zum Abstract: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20584700



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Mit dem "Paper of the Month" möchte die Stiftung für Patientensicherheit eine interessante Dienstleistung für diejenigen Personen erbringen, die einerseits bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen up-to-date sein möchten, andererseits nicht über die Ressourcen verfügen, das gesamte Feld zu beobachten. Die Stiftung für Patientensicherheit stellt etwa alle vier Wochen eine aktuelle wissenschaftliche Studie zur Patientensicherheit und ihre Kernergebnisse vor. Sie wählt dafür internationale Studien aus, die einerseits eine hohe Qualität aufweisen und die sie andererseits subjektiv als wichtig beurteilt, zum Beispiel aufgrund einer wichtigen Fragestellung oder einer innovativen Methodik.