Paper of the Month #29 Drucken
15.02.2012

Stiftung für Patientensicherheit, Schweiz: Paper of the Month #29 – "Medienanalyse der öffentlichen Berichterstattung über Medikationsfehler"

Hinchcliff R, Westbrook J, Greenfield D, Baysari M, Moldovan M, Braithwaite J:
Analysis of Australian newspaper coverage of medication errors
International Journal for Quality in Health Care 2012, Vol. 24, 1-8
Thema: "Medienanalyse der öffentlichen Berichterstattung über Medikationsfehler"

 

Die Darstellung von Patientensicherheitsaspekten in der öffentlichen Berichterstattung ist ein wichtiger Einflussfaktor für die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Medienberichterstattung kann die Wahrnehmung der Bevölkerung beeinflussen und dadurch auch
Verständnis, Anreize und Druck für die Leistungserbringer und die Gesundheitspolitik erzeugen, sich prioritär mit der Patientensicherheit zu befassen.
Hinchcliff et al. führten eine Medienanalyse durch, in der sie die öffentliche Berichterstattung über Medikationsfehler untersuchten. Sie analysierten, wie häufig und in welchem Kontext über Medikationssicherheit berichtet wird. Dafür wurden die Artikel der 10 auflagenstärksten Print-Zeitungen Australiens
aus den Jahren 2005-2010 in einer Datenbank recherchiert. Alle Berichte, in denen der Begriff „Medikationsfehler“ und verwandte Formulierungen vorkamen, wurden ausgewertet. Dabei wurden die Art und der Kontext der Berichterstattung, der Zusammenhang mit akademischen Publikationen
(z.B. Berichterstattung über Studienergebnisse) sowie die Verwendung von wörtlichen Zitaten analysiert.
Untersucht wurde auch, welche Ursachen und welche potentiellen Lösungen für Medikationsfehler
in den Publikationen genannt wurden.
Insgesamt wurden im Zeitraum 2005-2010 in australischen Zeitungen 92 Beiträge zu Medikationsfehlern publiziert. Die grösste Anzahl von Artikeln (27) wurden 2007 publiziert, wonach die Häufigkeit mit 20 Artikeln in 2008 und 22 in 2009 abnahm. Bei 73 Beiträgen (79%) handelte es sich um kurze „Aktuell-
Meldungen“, nur bei 10 Beiträgen handelte es sich um ausführliche Hintergrundinformation oder Diskussionen zum Thema Medikationssicherheit. 34 Artikel (37%) befassten sich schwerpunktmässig mit Medikationssicherheit, während alle anderen Medikationsfehler in einem weiteren Kontext von
Qualität oder Problemen im Gesundheitswesen erwähnten. In den Artikeln wurde vor allem auf staatliche Berichte und Quellen verwiesen. Nur in 4 Beiträgen wurde auf wissenschaftliche Publikationen Bezug genommen. Am häufigsten wurden Statistiken zur Häufigkeit von Medikationsfehlern zitiert, wobei die Validität dieser Daten nur in wenigen Fällen (15) kritisch kommentiert wurde. Die Personenkreise, die am häufigsten in den Beiträgen zitiert wurden, waren Repräsentanten des Staates (48% aller Beiträge), Vertreter prominenter Interessengruppen, z.B. der medizinischen Fachgesellschaften
(29%), Mitarbeiter aus Gesundheitseinrichtungen (21%) und Wissenschaftler (20%). Als Hauptursachen für Medikationsfehler wurden unzureichende Ressourcenausstattung in Spitälern, ineffektive Meldeverfahren und unangemessene Führungsstrukturen genannt. Die Verbesserung interner
Meldesysteme, die Veränderung von Medikationsprozessen (z.B. Einführung von Bar-Coding-Systemen) und die Schulung von Mitarbeitenden wurden am häufigsten als Lösungsansätze diskutiert. Aussagen zu Ursachen und Verbesserungsmöglichkeiten bezogen sich vornehmlich auf die stationäre
Versorgung. Die Arbeit verwendet einen interessanten Ansatz, um die Darstellung von Patientensicherheitsfragen in öffentlichen Medien zu analysieren. Die gewonnenen Einblicke zeigen, dass in Australien die Medikationssicherheit nur sehr begrenzt öffentlich thematisiert wird. Deutlich wird an
der Studie, dass über Medikationssicherheit relativ wenig in öffentlichen Medien berichtet wird. Zum Thema Medikationsfehler wurden 92 Artikel publiziert, während sich in einer einzigen Publikumszeitung im gleichen Zeitraum über 190 Artikel zu chirurgischen Fehlern fanden. Damit geht eine Chance
verloren, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Im Vergleich mit anderen australischen Medienanalysen zu anderen Public Health Themen zeigt sich, dass Medikationssicherheit insgesamt wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet. Vergleichbare Studien liegen aus der Schweiz oder anderen europäischen Ländern leider bislang nicht vor, wären aber sehr wünschenswert.

PD Dr. D. Schwappach, MPH, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit.
Dozent am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern
Link zum Abstract: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22117025
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