Paper of the Month #36 Drucken
19.12.2012

Stiftung für Patientensicherheit, Schweiz: Paper of the Month #36 – "Nutzung von Smartphones während der Visite"

Katz-Sidlow R, Ludwig A, Miller S, Sidlow R:
Smartphone use during inpatient attending rounds: prevalence, patterns, and potential for distraction
Journal of Hospital Medicine 2012, Vol. 7, 595-599
Thema: "Nutzung von Smartphones während der Visite"
Smartphones, Blackberrys und andere mobile Internet-taugliche Geräte werden auch im Gesund-heitswesen zunehmend genutzt. In Spitälern werden Smartphones auch als Kommunikationsmittel in der medizinischen Tätigkeit eingesetzt um beispielsweise den Zugriff auf Patientendaten schnell und ortsungebunden zu ermöglichen, um die Erreichbarkeit im Spital zu verbessern oder um aktuelles Fachwissen „am Patientenbett“ verfügbar zu haben. Neben den Vorzügen der neuen Technologie können Smartphones jedoch auch von der eigentlichen Tätigkeit ablenken. Da Smartphones häufig privat und beruflich genutzt werden, können die Grenzen leicht verschwimmen und parallel private Angelegenheiten erledigt werden. Es existieren bislang jedoch kaum Daten über die Häufigkeit und Art der Nutzung von Smartphones im klinischen Kontext. Katz-Sidlow und Kollegen untersuchten in ihrer Studie, wie häufig Smartphones während der Lehrvisite verwendet werden, also einer Visite, die sowohl der Patientenversorgung als auch der Supervision von Assistenzärzten dient. Sie befragten dazu leitende Ärzte des Lehrkörpers und Assistenten eines US-amerikanischen Spitals zur Smart-phone-Nutzung während der Lehrvisiten. Die Befragten sollten dabei sowohl ihre eigene Smartphone Nutzung berichten als auch die der anderen an der Visite teilnehmenden Personen. Fast alle Befrag-ten gaben an, ein Smartphone zu besitzen (89% der Assistenten; 98% des Lehrkörpers). 57% der Assistenten und 28% der leitenden Ärzte verwendeten das Smartphone regelmässig während der Vi-site. Als Nutzung wurden angegeben: Patientenversorgung, zB Abruf von Fachinformationen oder Be-rechnung von patientenindividuellen Daten wie Nierenfunktion (85% Assistenten; 48% Lehrkörper); Bearbeiten privater Nachrichten (37% Assistenten; 12% Lehrkörper); andere nicht patientenbezogene Tätigkeiten zB Surfen im Internet (15% Assistenten; 0% Lehrkörper). 19% der Assistenten und 12% der leitenden Ärzte gaben an, durch die Smartphone Nutzung wichtige klinische Informationen wäh-rend der Visite verpasst zu haben. Eine Mehrheit beider Gruppen bestätigte, dass Smartphones eine ernstzunehmende Ablenkung während der Visite sein können (56% Assistenten; 73% Lehrkörper). 77% des Lehrkörpers waren der Auffassung, dass Lehrkrankenhäuser Regeln für die Nutzung des Smartphones aufstellen sollten um Gefahren zu reduzieren. Die für sich selbst berichtete Smartpho-ne-Nutzung wich in beiden Gruppen systematisch von der Beobachtung der Nutzung der anderen Vi-site-Teilnehmer ab. So gaben 12% der leitenden Ärzte an, das Smartphone für die Bearbeitung priva-ter Nachrichten während der Visite zu nutzen. Demgegenüber berichteten 47% der Assistenten diese Beobachtung für den Lehrkörper. 34% der Assistenten hatten beobachtet, dass andere Assistenten wichtige Informationen in der Visite durch die Smartphone-Nutzung verpasst hatten, während dies nur 19% der Assistenten für sich selber angaben. Die zentrale Limitation der Studie liegt in der Selbst-auskunft als Datenerhebungsmethode. Dies unterstellt, dass die Mitarbeiter korrekte Auskunft über ih-re Smartphone Nutzung geben können und wollen. Vermutlich unterschätzen die meisten Personen jedoch die Intensität des Smartphone Gebrauchs. Dies legt auch der Unterschied zwischen der be-richteten eigenen Nutzung und der Einschätzung der Nutzung der Kollegen nahe. Die Ergebnisse un-terschätzen also wahrscheinlich die tatsächliche Nutzung von Smartphones. Gleichwohl zeigt die Studie deutlich, dass Smartphones im klinischen Alltag präsent sind und dort regelmässig genutzt werden. Davon können Patientenversorgung und Patientensicherheit profitieren, wenn beispielsweise individuelle Berechnungen für Patienten vorgenommen werden. Gleichzeitig können Ablenkungen und Multitasking zu eigenen, erheblichen Risiken für die Patientensicherheit führen. Hinzu kommen hygienebezogene Bedenken. Formale Regeln für die Smartphone-Nutzung während der klinischen Tätigkeit werden von vielen leitenden Ärzten begrüsst und sind in Erwägung zu ziehen.

Prof. Dr. D. Schwappach, MPH, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit.
Dozent am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern
Link zum Abstract: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22744793
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