Paper of the Month #15 Drucken
25.02.2010

Stiftung für Patientensicherheit, Schweiz: "Effektivität eines Luftfahrt-basierten Teamtrainings"

Sax HC, Browne P, Mayewski RJ et al.: Can aviation-based team training elicit sustainable behavioral change? Archives of Surgery 2009;144:1133-37.


Thema: Effektivität eines Luftfahrt-basierten Teamtrainings

Basierend auf positiven Erfahrungen in der Luftfahrt wird das "crew resource management" (CRM) seit einiger Zeit auch zur Verbesserung der Patientensicherheit im Gesundheitswesen eingesetzt. Im Rahmen von CRM-Trainings werden menschliche und systemische Faktoren bei Zwischenfällen fokussiert, eine sicherheitsfördernde Kommunikation und Interaktion in interprofessionellen Teams geübt sowie das Management von Fehlern und relevante Aspekte einer Sicherheitskultur verbessert. Sax et al. untersuchten die Auswirkungen eines multidisziplinäre CRMs in den USA über eine Zeitdauer von 4 Jahren. Der 6-stündige interaktive Kurs "Lessons from the Cockpit" basierte auf Trainings aus der Luftfahrt-Industrie und beinhaltet verschiedene Teamtraining-Übungen, Videos und offene Diskussionen. Die Auswirkungen des Trainings wurden evaluiert anhand a) der Häufigkeit der Nutzung einer perioperativen Checkliste zur Verbesserung der Patientensicherheit in der Chirurgie; b) der Häufigkeit der Meldung von kritischen Ereignissen ("critical incidents") und hier insbesondere der Meldung von "unsicheren Bedingungen oder near misses"; c) der Antworten der Kursteilnehmer in einem Fragebogen. Dieser Fragebogen enthält 10 Fragen zur Selbstbemächtigung ("empowerment") im Zusammenhang mit konkreten Sicherheitsaktivitäten. Der Fragebogen wurde direkt vor, direkt nach, sowie ein drittes Mal 2 Monate nach dem Kurs von den teilnehmenden Fachpersonen beantwortet. In zwei verschiedenen Spitälern wurden insgesamt 10 Kurse mit 857 Personen durchgeführt (50% Pflegefachleute; 22% Ärzte; 28% weitere Berufsgruppen). Die Nutzung der Checkliste stieg von 75% im Jahr 2002 bis auf 100% im Jahr 2007. Hier muss angemerkt werden, dass ab dem Jahr 2004 ergänzend den OP-Pflegefachpersonen stärkere Kompetenzen zur Umsetzung der Checkliste gegeben worden waren. Die Anzahl der gemeldeten Zwischenfälle stieg von 709/Quartal in 2002 vor Durchführung des Kurses auf 1481/Quartal in 2008. Der Anteil der gemeldeten "unsicheren Bedigungen/near misses" stieg von knapp 16% auf 20% aller Meldungen. Die Ergebnisse des Fragebogens zeigen signifikante positive Veränderungen vor/nach dem Kurs bei allen Fragen. Starke Veränderungs-Effekte wurden insbesondere bei den Fragen beobachtet, die sich auf das Ansprechen von Fehlern bei Kollegen anderer Berufsgruppen beziehen.

Die Studie zeigt, dass durch das CRM positive Veränderungen bei den drei beobachteten Verhaltensindikatoren erzielt werden konnten. Zwei wichtige Einschränkungen sind mit der Studie verbunden: Zum einen wurde die Wirksamkeit nicht hinsichtlich patientensicherheitsrelevanter Ereignisse untersucht. Ob also die verstärkte Nutzung der perioperativen Checkliste oder die höhere Anzahl der gemeldeten Ereignisse tatsächlich zu einer Verbesserung der Sicherheit führen, kann die Studie nicht beantworten. Sie berichtet über Verhaltensänderungen, von denen ausgegangen werden kann, dass sie eine wichtige Bedingung für Veränderungen in der Patientensicherheit darstellen. Zum anderen wurden neben den durchgeführten Kursen auch noch andere Aktivitäten auf dem Gebiet der Patientensicherheit in den Spitälern durchgeführt (z. B. safety walk rounds). Insbesondere gab es ein starkes commitment der Führung. Daher können die beobachteten Veränderungen nie eindeutig auf eine einzelne Massnahme zurückgeführt werden. Trotz dieser Einschränkungen zeigen die Ergebnisse, dass mit einer praxisorientierten Intervention im Bereich des Teamtrainings deutliche Effekte und Verhaltensänderungen erzielt werden können, die sich zudem über einen längeren Zeitraum als stabil erwiesen. Der begleitende Einsatz von CRM's erscheint gerade bei Verbesserungsmassnahmen sinnvoll, die stark auf interprofessionellen Verhaltensänderungen beruhen.

PD Dr. D. Schwappach, MPH
Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit.
Dozent am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern


Link zum Abstract: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20026831


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