Paper of the Month #44 Drucken
17.02.2014

Stiftung für Patientensicherheit, Schweiz: Paper of the Month #44 – "No-Blame Kultur und individuelle Verantwortlichkeit bei wiederholten Regelverletzungen

Driver TH, Katz PP, Trupin L, Wachter RM: Responding to clinicians who fail to follow patient safety practices: percep-tions of physicians, nurses, trainees, and patients
Journal of Hospital Medicine 2013; ePub ahead of print, doi 10.1002/jhm.2136

Thema: „No-Blame“ Kultur und individuelle Verantwortlichkeit bei wiederholten Regelverletzungen

Die internationale Patientensicherheitsbewegung hat sich – richtigerweise – sehr lange für die Verbreitung einer „No-Blame“ Kultur eingesetzt. Dabei geht es darum, die sys-temischen Ursachen für Zwischenfälle zu fokussieren und nicht einzelnen Fachpersonen die „Schuld“ für ein Fehl-verhalten zuzuschreiben. Gleichwohl gerät dieses Postulat dann an Grenzen, wenn Kliniker sich trotz organisationaler Unterstützung wiederholt nicht an evidenz-basierte Si-cherheitsstandards halten. Es stellt sich die Frage, ob es einen Punkt gibt, an dem Fachpersonen individuell zur Verantwortung gezogen werden sollen, wenn sie imple-mentierte und akzeptierte Sicherheitsregeln nicht einhal-ten. Um eine positive Wirkung auf die compliance mit Si-cherheitsregeln zu haben, müssen mögliche individuelle Konsequenzen bei Nicht-Einhaltung jedoch optimaler-weise von Klinikern und Patienten grundsätzlich akzeptiert sein. Driver et al. untersuchten in ihrer Studie, unter wel-chen Bedingungen und in welcher Form die individuelle Sanktionierung von wiederholten Regelverletzungen von Fachpersonen und Patienten unterstützt wird. Sie befrag-ten dafür Ärzte, Pflegefachpersonen, Medizin-Studierende sowie Patienten in den USA. In der Befragung wurden drei Szenarien präsentiert, in denen eine Fachperson sich nicht an eine etablierte Sicherheitsregel hält: Die Hände-Desinfektion vor einem Patientenkontakt, die Evaluation des Sturzrisikos und das chirurgische Time-out. Die Teil-nehmer wurden zu jedem Szenario gefragt, welche institu-tionelle Antwort auf die Regelverletzung sie für angemes-sen halten und bei welcher Wiederholungshäufigkeit eine Sanktionierung erfolgen sollte. Als mögliche Formen der Reaktion konnten das interne Feedback, die Veröffentli-chung auf einer Webseite sowie eine „Bestrafung“ durch finanzielle Sanktionen, Freistellung und Kündigung beur-teilt werden. Insgesamt nahmen 183 Personen an der Be-fragung teil. Von den drei Sicherheitsregeln wurde das ausgelassene Time-out als am potentiell gefährlichsten eingestuft, die nicht erfolgte Hände-Desinfektionen am wenigsten gefährlich. Im Vergleich zur Hände-Desinfektion waren finanzielle Sanktionen für das fehlende Time-out (OR=4.3) oder ein ausgelassenes Sturz-Assessment (OR=1.7) eher akzeptiert. Unabhängig von der Häufigkeit der non-compliance wurde von allen Befragtengruppen und für alle drei Standards die finanzielle Sanktionierung eher befürwortet als die Offenlegung von Regelverletzun-gen auf einer Webseite. Patienten und leitende Ärzte sprachen sich signifikant häufiger für Sanktionen aus als Assistenzärzte, Studierende und Pflegefachpersonen. Al-lerdings befürworteten Patienten Sanktionen schon nach einer signifikant geringeren Häufigkeit von Regelverlet-zungen durch einzelne Kliniker. Ab einer Wiederholungs-häufigkeit von >= 16 Regelverletzungen stimmte eine Mehrheit aller befragten Gruppen bei allen drei Sicher-heitsstandards finanziellen Sanktionen zu. Die Studie widmet sich in empirischer Weise der zunehmenden Dis-kussion um die Grenzen der „No-Blame“ Kultur und die in-dividuelle Verantwortlichkeit. Sie zeigt, dass sowohl Fach-personen als auch Patienten bei häufig wiederholten Re-gelverletzungen von etablierten und gut implementierten Sicherheitsstandards institutionelle Reaktionen befürwor-ten. Finanzielle Sanktionen sind deutlich stärker akzeptiert als die Veröffentlichung der Häufigkeit von Regelverlet-zungen. Die Studie hat einige Limitationen, die die Gene-ralisierbarkeit betreffen: So wurden relativ kleine Gelegen-heitsstichproben aus einem homogenen Umfeld befragt. Ausserdem stellen sich praktische Fragen bei der Umset-zung von Massnahmen zur Sanktionierung: So ist zum Beispiel nicht immer klar, ob Regelverletzungen wirklich einem Individuum oder einem Team oder einer Abteilung zugeordnet werden können. Dennoch leistet die Studie ei-nen wichtigen Beitrag in einer Debatte, die über Rahmen-bedingungen individueller Verantwortlichkeit geführt wer-den muss. Dies ist auch aus Sicht derjenigen Fachpersonen wichtig, die sich konsequent an Sicherheitsstandards halten. Dabei muss gewährleistet sein, dass die „No-Blame“ Kultur als wesentlicher Faktor zur Verbesserung der Patientensicherheit erhalten und weiter gefördert wird.

Prof. Dr. D. Schwappach, MPH
Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit
Dozent am Institut für Sozial und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern

Link zum Abstract: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24343947
(Den Volltext können wir aus Copyright Gründen leider nicht mit versenden).

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