Paper of the Month #53 Drucken
19.05.2015

Stiftung für Patientensicherheit, Schweiz: Paper of the Month #53 – Fehlende Angaben zum Körpergewicht bei Medikamenten mit engem therapeutischen Index

Charani E, Gharbi M, Hickson M et al.: Lack of weight recording in patients being administered narrow therapeutic index antibiotics: a prospective cross-sectional study
BMJ open 2015; 5: e006092. doi:10.1136/ bmjopen-2014-006092

Thema: Fehlende Angaben zum Körpergewicht bei Medikamenten mit engem therapeutischen Index

Das Monitoring des Körpergewichts von Patienten im Spital ist aus mehreren Gründen für die Patientensicherheit relevant. Das Gewicht ist ein Indikator für den Ernährungsstatus der Patienten bei Eintritt und im Verlauf der Hospitalisation. Auch für die Arzneimitteltherapie ist das Körpergewicht der Patienten wichtig. Viele Medikamente haben einen engen therapeutischen Korridor und erfordern eine individuelle Dosisberechnung basierend auf dem aktuellen Gewicht, so z.B. einige Zytostatika, Antibiotika und niedermolekulare Heparine. Das Wiegen der Patienten im Rahmen der Eintrittsprozeduren und die Dokumentation des Körpergewichts sind ein Bestandteil verschiedener Guidelines und werden zunehmend als PatientensicherheitsIndikator diskutiert. Dennoch wird die Bedeutung des aktuellen Wiegens der Patienten für die Dosisberechnung oder –Bestätigung oft unterschätzt und findet selbst bei Hoch-Risiko-Medikamenten, wie Anti-Tumor-Therapien, vielfach nicht statt. Charani et al. unter-suchten in ihrer Studie, wie häufig das Körpergewicht bei Eintritt im Spital nicht erhoben und dokumentiert wird, insbesondere bei Patienten, die Antibiotika mit engem therapeutischem Index erhalten. Sie analysierten jeweils an einem Tag die Akten der aktuell auf medizinischen und chirurgischen Stationen hospitalisierten Patienten in drei Spitälern in London (UK), um die Punktprävalenz des „Nicht-Wiegens“ zu bestimmen. Dafür werteten sie alle für Patienten verfügbaren Dokumentationsquellen aus inkl. der Verordnungen und des Pflegeassessments. An bis zu fünf möglichen Stellen je Patient hätte das Patientengewicht dokumentiert werden sollen (z.B. im Anästhesieprotokoll für Patienten, die operiert werden). Sie untersuchten, ob die Patienten gewogen und das Gewicht an irgendeiner der möglichen Stellen dokumentiert worden war und ob und welche Antibiotika verordnet wurden. Als Ergänzung wurde eine kleine Anzahl von Beobachtungen des Aufnahmeprozesses durchgeführt, um Ursachen für das fehlende Wiegen besser zu verstehen. Die Autoren werteten die Dokumentationen von 1‘012 Patienten aus. Bei 46% der Patienten war kein Eintrag zum Gewicht dokumentiert. Dieser Anteil war für alle Altersgruppen sehr ähnlich (zwischen 46% - 49%). Insgesamt erhielten 236 Patienten intravenös Antibiotika. Darunter waren auch 89 Patienten (9% aller Patienten), die mindestens einen Wirkstoff erhielten, für den das Gewicht für die Dosisberechnung oder das therapeutische Monitoring (z.B. Antibiotikaspiegel) empfohlen ist. Bei 35 dieser 89 Patienten (39%) existierte kein Eintrag zum Körpergewicht. Am häufigsten fehlte die Gewichtsangabe bei Patienten, die intravenös Vancomycin erhielten (27 von 61 Patienten). Bei Patienten mit Ko-Morbiditäten und solchen, die wegen einer Infektionskrankheit oder einer geplanten Operation hospitalisiert worden waren, war das Körpergewicht signifikant häufiger dokumentiert. Ausserdem gab es auch nach einer Adjus-tierung von Patientenmerkmalen deutliche Unterschiede zwischen den drei Spitälern. Beobachtet wurden die Aufnahmeprozeduren von 18 Patienten, von denen bei 11 nicht gewogen wurde. Besonders häufig wurde das Wiegen ausgelassen, wenn es Unterbrechungen im Aufnah-meprozess gab (9 Patienten). Eine hohe Arbeitsbelastung bzw. wenig verfügbares Personal waren eine weitere Ursache. Bei 8 Patienten wurde das Körpergewicht ungeprüft aus der Dokumentation einer früheren Hospitalisations-Episode übernommen. Die Autoren lenken mit ihrer Studie die Aufmerksamkeit auf ein bisher wenig beachtetes Thema der Patientensicherheit, die fehlende Erhebung und Dokumentation des Körpergewichtes bei hospitalisierten Patienten. Da es sich um eine Prävalenz-Studie handelt, kann keine Aussage zu den outcomes getroffen werden, ob also die fehlende individuelle gewichtsbasierte Therapie negative Konsequenzen hatte. Die Untersuchung zeigt, dass diese in England standardmässig vorgesehene Massnahme bei fast der Hälfte der Patienten nicht durchgeführt wird, obwohl sie einfach und günstig ist. Eine Ursache scheint die unklare Verankerung des Wiegens in den Aufnahmeprozess bzw. dessen Anfälligkeit für Störungen zu sein. Dieses Problem ist auch aus der Onkologie bekannt, wo das Körpergewicht für viele Therapien eine Bedeutung hat. Neben der Relevanz für die Medikati-onssicherheit ist das Körpergewicht auch als zentraler Indikator für das Monitoring des Ernährungszustandes von Patienten während des Spitalaufenthaltes wichtig.

Prof. Dr. D. Schwappach, MPH
Wissenschaftlicher Leiter von Patientensicherheit Schweiz
Dozent am Institut für Sozial und Präventivmedizin (ISPM), Universität Bern

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