Paper of the Month #1 Drucken
03.06.2008

Stiftung für Patientensicherheit, Schweiz: "Impact of patient communication problems on the risk of preventable adverse events in acute care settings"

G. Bartlett, R. Blais, R. Tamblyn, R.J. Clermont, and B. MacGibbon: Impact of patient communication problems on the risk of preventable adverse events in acute care settings. CMAJ 178 (12):1555-1562, 2008.

 


Die Studie von Bartlett et al. untersucht, ob Kommunikationseinschränkungen auf Patientenseite das Risiko für vermeidbare, unerwünschte Ereignisse (preventable AEs) im Spital erhöhen. In der Studie wurde die Methode der retrospektiven Krankenaktenanalyse nach dem Protokoll der "Canadian Adverse Event Study" eingesetzt. Dabei wurden einerseits Hinweise auf unerwünschte Ereignisse, als auch dokumentierte Sprachbarrieren erfasst. Zu den erfassten Kommunikationseinschränkungen gehörten Sprachbarrieren (Patienten, die keine der beiden kanadischen Landessprachen sprechen), physische Einschränkungen (z.B. Gehörlosigkeit), psycho-soziale Faktoren (Substanzabhängigkeit, Obdachlosigkeit) und psychiatrische Erkrankungen als Nebendiagnose. Von den dokumentierten vermeidbaren unerwünschten Ereignissen traten 11% bei Patienten mit physischen Barrieren, und 11% bei Patienten mit psychiatrischen Nebendiagnosen auf und waren damit deutlich häufiger als bei Patienten ohne diese Einschränkungen. Der Anteil nicht-vermeidbarer Ereignisse war in diesen Gruppen nicht erhöht. Patienten, bei denen eine Kommunikations-Einschränkung vorlag, hatten ein 3- faches Risiko, dass es zu einem vermeidbaren unerwünschten Ereignis kommt [OR=3.00, 95%CI 1.43-6.27]. Bei Patienten mit einer psychiatrischen Erkrankung war dieses Risiko für ein vermeidbares Ereignis mehr als doppelt so hoch [OR=2.35, 95%CI 1.09-5.05]. Von der Mehrzahl der Ereignisse waren gehörlose Patienten betroffen, und zwar insbesondere von Arzneimittel-bezogenen Ereignissen. Unter den Patienten, die eine Kommunikationseinschränkung hatten und ein vermeidbares unerwünschtes Ereignis erlebten, sprach etwa die Hälfte keine der kanadischen Landessprachen.

Diese Studie macht deutlich, dass Patienten mit Kommunikationsbarrieren im weitesten Sinne einem deutlich höheren Risiko für Zwischenfälle im Spital ausgesetzt sind. Auch wenn die Anzahl der Patienten mit spezifischen Kommunikationsproblemen häufig relativ klein ist, so macht die Gruppe aller betroffenen Patienten mit Kommunikationsbarrieren insgesamt doch oft einen deutlichen Anteil der Spitalspatienten aus. Gerade im Zusammenhang mit der Arzneimittelsicherheit gilt es, in der Kommunikation mit betroffenen Patienten besondere Sicherheitsvorkehrungen vorzusehen. Dies könnte zum Beispiel die Abgabe schriftlicher Informationen oder die Vermittlung von Gebärdensprach-Dolmetschern sein.

PD Dr. D. Schwappach, MPH
Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung für Patientensicherheit

Link zum Abstract und Volltext: http://www.cmaj.ca/cgi/content/abstract/178/12/1555

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